wir dokumentieren hier einen weiteren Artikel aus der aktuellen Roten Spritze:

Wir haben uns mit Stefan* unterhalten, der Physiotherapeut in einem kommunalen Krankenhaus in der Nähe von Trier ist und Mitglied des Betriebsrates ist. Er schildert uns seine Eindrücke aus den Berufsalltag und berichtet über seine Motivation im Betrieb aktiv zu werden.
Rote Spritze (RS): Du arbeitest als Physiotherapeut an einem kommunalen Krankenhaus. Wie kam es dazu und warum arbeitest du genau hier?
Stefan: Das ist ganz einfach, als ich Ende der 90er Jahren einen neuen Job als „Krankengymnast“ gesucht und hier einen gefunden habe, der zu mir passte. Ursprünglich war ich tätig in einer freien Praxis mit miesen Arbeitszeiten. Mein Tag begann um 07:00 Uhr und ging mit bis zu dreistündigen Leerlaufzeiten an meinem längsten Wochentag bis 22:30 Uhr. Das war zu Zeiten der großen Gesundheitsreform, plötzlich wurde weniger Krankengymnastik auf Grund von Sparzwängen ärztlich verordnet und der Umsatz bei meinem damaligen Arbeitgeber brach um 70% ein und man konnte mich nicht mehr bezahlen. Ich war zunächst einfach nur froh, dass ich nach Bewerbung auf ein Inserat eine Stelle bekam
RS: Hast du je darüber nachgedacht auf Grund der Bezahlung nach Luxemburg oder in eine private Praxis zu wechseln?
Stefan: Sicher habe ich über Luxemburg nachgedacht, aber die Fahrzeiten und viel Zeit mit dem Auto im Stau zu verbringen haben mich immer abgeschreckt. Außerdem bin ich einfach zufrieden mit meinen derzeitigen, geregelten Arbeitszeiten und das Kollegium stimmt. Das ist auch der Grund warumich nicht mehr in eine private Praxis wollte, wo zudem häufig weniger als der Tarif des öffentlichen Dienstes bezahlt wird. Die Selbstständigkeit kam für mich auf Grund des ständigen Ärgers mit den Krankenkassen auch nicht in Frage.
RS: Zudem bist du im Betriebsrat tätig, wie kam es hierzu und was motiviert dich dort aktiv mitzuarbeiten? Stefan: Ja genau, ich bin mittlerweile zweimal in den Betriebsrat gewählt worden. Hierzu kam es, weil mir während meiner alltäglichen Arbeit auffiel, dass es immer wieder ähnliche Konflikte zwischen Arbeitgeberseite und Arbeitnehmer:innen gibt, die mich auch persönlich mal betroffen haben. Hierbei meine ich unterschiedliche Auffassung über die korrekte Einhaltung von Arbeitsverträgen oder Ausnutzen von Machtgefälle. Es macht mich einfach wütend, wenn allgemein arbeitsrechtlich etwas schief läuft, aber „kleinere“ Verfehlungen von Mitarbeiter:innen verhältnismäßig überzogen abgestraft werden. Deswegen motivierte es mich für den Betriebsrat zu kandidieren, da es hier die Chance gibt daran etwas zu verändern.
RS: Das klingt danach, als wärst du auch in einer Gewerkschaft?
Stefan: Zunächst war ich tatsächlich nicht in einer Gewerkschaft. Vor 2 Jahren bin ich dann in die ver.di eingetreten, weil ich bemerkt habe, dass dies schon meiner Arbeit im Betriebsrat hilft, rein informativ für mich oder die Rücksprache und Prüfung von Sachverhalten durch die Gewerkschaft ist schon sehr hilfreich.
RS: Seit über 2 Jahren leben wir nun in einer Pandemie? Inwieweit hat sich deine Arbeit hierdurch verändert?
Stefan: Zunächst wurde das physiotherapeutische Angebot bis auf das allernötigste beschränkt. Sprich die ambulanten Termine mussten alle abgesagt werden. Dadurch entstanden freie Kapazitäten, die genutzt wurden, um mich in einer Fieberambulanz einzusetzen, wo wir Verdachtsfälle untersucht und für PCR-Tests abgestrichen habe. Parallel war ich durch mein sowieso bestehendes Einsatzgebiet auf der Intensivstation somit von Anfang an bei der Betreuung von COVID-19 Fällen dabei und wurde deswegen für die ersten Impfdosen priorisiert. Das führte wiederum dazu, dass ich als einer der ersten „Geimpften“ dauerhaft auch auf der Isolierstation eingesetzt wurde. Da ich kinderlos bin, war ich aber von Anfang auch dazu geneigt freiwillig mit COVID-Patient:innen. Wir wussten anfangs nicht viel über diese Krankheit und ich hätte es nicht richtig gefunden, Kolleg:innen mit kleinen Kindern zu Hause vorzuschicken. RS: Hat die Pandemie allgemeine Probleme im Gesundheitssystem für dich direkt spürbar aufgedeckt? Stefan: Ja klar, man war nicht darauf vorbereitet. Wenn ich an die Anfangszeit der Pandemie und an meine Einsätze in der Fieberambulanz denke, fällt mir ein, dass wir jeweils eine FFP2-Maske pro Person und Woche zur Verfügung hatten. Nicht so wie heutzutage, wo wir quasi alle paar Stunden oder nach infektiösen Kontakten die Masken wechseln können. Ganz grundsätzlich finde ich ein Übel an unserem Gesundheitssystem das „Zweiklassensystem“. Ich persönlich empfinde das als falsch, es dürfte einfach nur ein System für alle geben und vor dem alle gleich sind. Alleine das dadurch unterschiedliche Wartezeiten auf Termine entstehen, die nichts mit medizinischer Priorisierung zu tun haben dürfte es in einem gerechten System nicht geben. Glücklicherweise kann mir der Versicherungsstatus bei meiner Tätigkeit im Krankenhaus egal sein, davon ist mein Gehalt nicht abhängig, im Gegensatz wahrscheinlich zur privaten Praxis, wo darauf geachtet werden muss einen gewissen Anteil Privatpatient:innen zu behandeln, um Gewinne zu erwirtschaften. Das Gesundheitssystem sollte nicht gezwungen sein Gewinn zu erwirtschaften.
RS: Was würdest du direkt ändern, wenn du dazu z.B. als Gesundheitsminister die Befähigung hättest? Stefan: Ich würde in allen Bereichen direkt viel mehr Personal einstellen, wobei ich mich dann auch frage: Wobekäme ich das Personal her? Wobei im physiotherapeutischen Bereich nicht unenedlich viele Stellen frei sind. Wir haben hier z.B. eine Kooperation mit einer externen physiotherapeutisch ausbildenden Schule. Ein paar Schüler:innen absolvieren ihren Praxisteil dann bei uns und wenn wir dann eine Stelle frei haben, werden auch welche übernommen. Bis jetzt haben wir von dieser Schule noch niemanden übernommen. Bei anderen Arbeitgebern wird jedoch immer häufiger ein zusätzliches Studium im physiotherapeutischen Bereich gefordert. Eine Entwicklung die mir als junger Mensch wahrscheinlich aber auch gefallen hätte, wie im Handwerk beispielsweise sich nach der Ausbildung zum „Meister“ weiter ausbilden zu lassen.
Das Interview führte Ulrike, Trier







